Die antastbare Würde

Categories: Allgemeines
Written By: Katja

Was ist Glück für Dich? Das fragt mich Curious in einem Stöckchen, das er mir zugeworfen hat. Natürlich, die Liebe! Und die Gesundheit! Aber da ist noch etwas, was mir seit geraumer Zeit durch den Kopf geht…

Ich denke in letzter Zeit häufig an meine Hartz-IV-Zeit. An diese schrecklichen Monate,1 als ich keine Nacht schlafen konnte, keinen Morgen glücklich und entspannt aufwachte. Als ich Tag für Tag ärmer wurde und schließlich auf einem Berg Schulden saß. Als ich mich von Dreck ernähren musste und mir Pfandflaschen als Luxusgut erschienen. Als ich mich von 25-jährigen ARGE-Mitarbeitern und -Mitarbeiterinnen mit Abscheu ob meiner schmarotzerischen Arbeitsfaulheit anpflaumen lassen musste. Als ich mit einem Mal verstand, weshalb manch einer dieses Leben nur noch mit Alkohol oder Schlimmeren ertragen konnte. Als ich mich so wertlos fühlte und mir der Sprung auf die Eisenbahnschienen plötzlich gar nicht mehr abwegig erschien.

Und ich erinnere mich an den Moment, als ich vor dem Haus, in dem meine Schwester wohnte, saß und wartete. Meine Eltern waren gerade in Deutschland und auf Stippvisite bei ihr. Ich war nach der Arbeit (ja ich arbeitete in Vollzeit, verdiente aber nur 400,- Euro) schnell losgedüst um alle zu besuchen, stand aber vor verschlossener Tür.

Also wartete ich.
Ich saß auf einer Parkbank und betrachtete den aufgedröselten Ärmel meines uralten Pullovers, den ich weit über das Handgelenk zog. Mein Körper war übersät mit roten Punkten, ganz so, als hätten die Hell’s Angels samt und sonders ihre Kippen auf mir ausgedrückt.2 Die schäbige Jacke, die ich trug, hatte Löcher und war an manchen Stellen arg abgewetzt. Mein ehemaliger Chef, der es mir übel nahm, daß ich von mir aus kündigte3 , verleumdetet mich bei Kunden (”Frau F. hat unseren Server gehackt.”) und nur wenige Tage zuvor hatte ich meinen (ersten und hoffentlich einzigen) Offenbarungseid unterschrieben. Mein Konto war gepfändet und mein Freund erklärte mir, er hätte sich in eine andere Frau verliebt. Die letzte Nachricht brachte mich nicht einmal zum weinen.

Doch auf der Bank, als alles Elend über mir zusammenschwappte und ich das (falsche) Gefühl hatte, selbst meine Familie wollte mit mir (in meinen Augen zurecht) nichts mehr zu haben, da flossen sie plötzlich. Ich wollte nicht weinen, aber ich hatte keine Kontrolle darüber und ich konnte nicht mehr aufhören. Ich schämte mich, weil es ausgerechnet in der Öffentlichkeit passierte und, noch schlimmer, weil schließlich meine Schwester mit Familie und unseren Eltern um die Ecke bog.

Ich denke an diesen Augenblick genau jetzt. Ich sitze weit weg von dieser Parkbank in einem warmen Büro, mein Laptop vor, heißen Kaffee und ein Marzipancroissant neben mir. Ich arbeite halbtags und verdiene drei mal so viel wie in dem Ausbeuterjob während meiner Hartz-IV-Zeit. Ich bekomme kostenlos Capuccino, Cola, Sprite, Obst und Süßigkeiten. Ich werde freundlich und kollegial behandelt. Man hat Achtung und Respekt vor meiner Ausbildung und meiner Arbeit. Wenn ich das Gebäude verlasse, dann sehe ich die anderen Glücklichen. Mit Anzug und Schlips, Kostüm und Handtasche wackeln sie von Büro zu Cafebar oder nehmen einen Happen im Gourmet-Bistro ein. Ich weiß nicht, ob sie wissen, wie gut es ihnen eigentlich geht.

Ich weiß es. Und für mich weiß ich es zu schätzen.

Es ist ein Geschenk, wenn einem die Wichtigkeit und Bedeutung eines Lebens in Würde klar geworden ist. Es ist Glück, wenn man ein solches Leben leben darf.

Poorboxbild via flickr.com.


  1. Gefühlt war ich ca. 5 Jahre Hartz-IV-Empfänger. Real war ich es nicht mal ein ganzes Jahr. []
  2. Dieser merkwürdige “Ausschlag” verschwand ebenso plötzlich wie er kam. Was genau das war, habe ich nie herausgefunden - beim Arzt war ich natürlich nicht. 10 Euro gibt man für so eine Lapalie nicht aus. []
  3. Der Betreuer bei der Agentur für Arbeit sagte: “Oha, den kennen wir. Da gab es schon einige Beschwerden.” []
Der Beitrag hat kein Tag.

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14 Kommentare zu “Die antastbare Würde”

  1. Kommentar #1 kommt von: Reizzentrum

    Laaangweilig. Ich will was mit Ficken!! Individuelle Labereien Debiler.

    Im Ernst: ICH weiss, sehr genau wie sich “das” anfühlt. Das Bewusstsein dieses Gefühls verbunden mit der wahrgenommen Ignoranz der “Unwissenden” bestärkt mich in dem Gedanken, dass jeder Bundesbürger mal (nur 6 Monate) als Hartz-IV Empfänger leben sollte, aber selbst dann wird derjenige nicht wissen, was Zukunftsangst bedeutet, da er weiss dass er ja nach 6 Monaten wieder arbeiten DARF!

  2. Kommentar #2 kommt von: Curi0us

    Danke für den Beitrag. Du erinnerst dich sicherlich, was ich genau vor dem Glücksthema geschrieben hatte.
    Irgendwie schon sehr spannend und beeindruckend was ihr alle da so schreibt. Dein Beitrag ist bisher sicherlich der tiefgründigste. Und wahrscheinlich auch einer der wichtigeren.
    @Reizzentrum mir reicht es von Menschen die ich kenne sowas zu lesen um meinen Lebensstandard wertzuschätzen. Sicherlich kann ich das nicht 1:1 nachvollziehen… Aber ich glaube das ist auch nicht nötig.

  3. Kommentar #3 kommt von: Gucky

    Juijuijui… da hast du es ja richtig dicke gekriegt… das volle Programm… 8O
    Aber zumindest hast du die andere Seite auch kennengelernt und weißt, wie es solchen Leuten geht.

    @Reizzentrum
    Garnicht mal jeder Bundesbürger, sondern jeder der mit der Hartz IV - Gesetzgebung und Durchführung zu tun hat ! Und jeder “Wissenschaftler” der erzählt, daß man doch eigentlich mit noch viel weniger auskommen kann !
    Aber dann für die begrenzte Zeit (6 Monate wie du schreibst) ganz knallhart mit allen Folgen die Katja beschreibt. Wenn sie dann am 15. nichts mehr zu beißen haben… auch wenn sie nicht saufen und rauchen !

  4. Kommentar #4 kommt von: Reizzentrum

    @Curi0us:
    Curi: Das ist wie mit einem Kleinkind, dem man den Begriff “heiss” niemals erklären können wird. Es MUSS sich einmal die Finger verbrannt haben, bevor es begreift, wie sich heiss anfühlt.
    Das ist nicht gegen dich gemünzt, aber diese Erfahrung ist so tiefgehend, die kann man nicht “mitteilen” und sich auch - als Aussenstehender - nicht ansatzweise vorstellen.

    @Gucky:
    Am 15ten nix zu beissen? Da reicht es am 5ten die Rechnung einer Versicherung zu bekommen, die man - aufgrund der Kündigungsfristen - noch nicht von der Backe hat, um einen ganzen Monat eigentlich zu hungern.
    Und dieses “Aktiv-Seminar” bitte auch für alle, die darüber schreiben oder anderweitig eine “Meinung” zu diesem Thema verbreiten

  5. Kommentar #5 kommt von: indeterminacy

    I’ve never had to live on Hartz IV - in that sense I have been fortunate. I don’t know if there is a good place to be poor. If there is, I don’t think it is Germany. It’s especially pompous to immortalize names like “Hartz” or “Riester” in public programs - they will never have to depend on the programs bearing their hohnisch syllables.

    Your post was very poignant to read through. I am glad these times are behind you.
    Sorry but I can’t write what I’m thinking in German.

  6. Kommentar #6 kommt von: Der Tod, das Glück und ich « Zeitkante

    […] Tod, das Glück und ich Veröffentlicht 8. Oktober 2008 Persönlich Beim blonden Alien habe ich vom Glück gelesen. Sehr beeindruckend. Ich sah die weinende Katja vor mir auf dieser […]

  7. Kommentar #7 kommt von: Zeitkante

    Danke für die Anregung, darüber (wieder einmal) nachzudenken. Und Danke für einen wunderbaren Artikel.

  8. Kommentar #8 kommt von: kuschelpunker

    man stelle sich vor man geht zum arzt in der hoffnung er würde dir helfen. leider gibt er dir ein placebo mit der vermutung du würdest nicht merken was du bekommst und dich damit zufrieden geben, denn ein richtiges medikament bekommst du erst wenn du dem doc gefällig bist. - soviel zur erklärung von hartz IV

    jeder der einen ganztagsjob hat soll sich freun, denn er wird dafür bezahlt. dass er von der tatsache abstand nehmen kann, dass sich die wertschätzung seiner person oftmals nur über sein einkommen definiert.
    ich als mitglied der hartz IV-bevölkerung kann ein lied davon singen. meine 3 jahre sind voll, so wie unsere minister wenn sie gesetze vorschlagen.
    man kann aber schimpfen soviel man will. es wird so schnell nicht besser und alles was einem bleibt ist vielleicht eine hand voll freund und die angst vor den schmerzen ehe man für immer freiwillig die augen zu macht!!!!

    es grüßen der pleitegeier in meinem geldbeutel und die zukunftsangst aus meinem hirn!

  9. Kommentar #9 kommt von: Immer der gleiche Tag « Habt ihr nichts anderes zu tun?

    […] an das das-blonde-alien für einen tollen Artikel der trifft was viele Menschen […]

  10. Kommentar #10 kommt von: Der Tod, das Glück und ich « Fourtysomething…

    […] blonden Alien habe ich vom Glück gelesen. Sehr beeindruckend. Ich sah die weinende Katja vor mir auf dieser […]

  11. Kommentar #11 kommt von: Gibt es noch Berufe, in denen man sich gebraucht fühlt? « Die Nacht des Abendlandes

    […] als aus den alltäglichen Begegnungen des Alltags kommt, warum wird es dann manchen Menschen, die unfreiwillig keinen Beruf haben so schwer gemacht sich dennoch nützlich zu […]

  12. Kommentar #12 kommt von: Katja

    @Reizzentrum: Wenn ich mir einige Kommentare zu meinem ersten Hartz-IV-Beitrag ansehe, dann bin ich mir da auch nicht sicher. Da wurde ja auch von angeblichen Ex-Armen behauptet, man kann es schaffen, wenn man nur will usw. bla bla bla. (was impliziert, daß ein Hartz-IV-Empfänger per se unwillig ist - kennen wir ja…)

    Ich denke, vielen ist die endgültige Konsequenz gar nicht klar. Angenommen, ein durchschnittlicher Normalbürger wird plötzlich arbeitslos. Es dauert nicht lange und *zack* ist er in Hartz-IV. Kredite, Versicherungen, Leasingraten, Hypotheken usw. lösen sich nicht über Nacht auf. Die bleiben erst einmal. Zwar ist man weit unter der Pfändungsgrenze, aber auch das bedeutet ja nicht, daß einem die Schulden erlassen werden. Manche Kredite “muss” man übrigens auch unter der Pfändungsgrenze zurückzahlen, z.B. den Bildungskredit, den viele Studenten in Anspruch nehmen. Die Alternative wäre nämlich ein Rückgriff auf eine geleistete Bürgschaft. Und einem anständigen Menschen ist es sehr unangenehm, wenn der Bürge in Anspruch genommen wird. Er wird also alles tun, das zu vermeiden.

    Neben Lebensmitteln muss man dann noch Strom bezahlen und Telefon. Kleidung, ÖPNV, Medikamentenzuzahlungen und die 10 Euro Praxisgebühr. Wenn dann die Waschmaschine kaputt geht… auweia…

    In meinem Fall hieß das zeitweise: 100 Euro Kreditrückzahlung. 89 Euro Strom, 50 Euro Telefon/Internet. Der Rest, also ca. 110 Euro, blieb dann für alle anderen anfallenden Kosten. So erklären sich der schäbige Pullover und die kaputte Jacke. An den Klamotten sparst Du schließlich zuerst… Und dann ist die Freude natürlich groß, wenn die Stadtwerke die jährliche Abschlagszahlung schicken und die sich auf 240 Euro beläuft. Oder wenn man zu einer Maßnahme geladen wird, zu der man mit dem ÖPNV fahren muss.

    Wenn man nicht ein völlig unbeschriebenes und schuldenfreies Blättchen ist, dann sitzt man, auch nach der Hartz-IV-Zeit auf Schulden. Ich kenne keinen Fall, in dem das nicht so war. Und diese Konsequenz, zusammen mit den tatsächlichen Kosten, die man hat (nein, die 350 Euro sind nicht für’s Essen allein), sind den wenigsten bewußt und von keinem nachvollziehbar, der nicht einmal wirklich auf unabsehbare Zeit in dieser Scheiße gesteckt hat.

    @Curi0us: Danke Dir. Dieses Erlebnis auf der Parkbank schleppe ich schon zu lange mit mir rum. Ich hab mich geschämt, das zu erzählen. Aber das Glücksstöckchen war der perfekte Anreiz, es endlich zu tun.

    @Gucky: Allerdings. Und mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich lese oder höre “der Soundso, Hartz-IV-Empfänger aus Irgendwo”. Das ist der scharlachrote Buchstabe, der einer Bevölkerungsgruppe eingebrannt wird und in seiner Aussage immer den Beigeschmack “typisch, der Assoziale” hat. Da würgt es mich wirklich.

    @indeterminacy: Das ist das Problem mit der Armut in einem reichen Land. Da trifft es einen umso härter. Ich hab schon einmal darüber gebloggt, wie ich - wirklich hungernd - durch die Straßen lief und angesichts der teuren Autos merkwürdige Gedanken hatte: Von Pizzafelgen, Bratwurstantennen usw. http://www.das-blonde-alien.de.....problemen/

    Was so richtig weh tut, das ist nicht der Geldmangel. Es ist die Häme, die Geringschätzung, die Vorverurteilung, der Ekel, den viele um einen herum angesichts deiner Situation empfinden. Man schlägt die Zeitung auf, schaltet den Fernseher ein und sieht tagtäglich, wie man zum schwarzen Schaf der Nation gemacht wird. Zum Schmarotzer, Betrüger, zum Asozialen.

    Aber ich frage noch einmal: Wer ist der Asoziale? Der Hartz-IV-Empfänger, der so wie ich, in Vollzeit gearbeitet hat aber einen Lohn dafür erhielt, den sogar das Arbeitsamt als sittenwidrig einstufte oder doch eher der Arbeitgeber, der tagtäglich mit dem BMW vorfuhr, 4x im Jahr nach Syrien oder in die Emirate flog, der sich ein Haus kaufte, aber jammerte, daß er nicht mehr Lohn zahlen könne und das dann einfach den Staat übernehmen ließ?

    Wer hat an seiner Stelle meinen Lohn gezahlt? Wer hat den Staat, die Gemeinschaft, die Steuergelder in Anspruch genommen?

    @Zeitkante: Gern geschehen. Und ich danke Dir für den sehr berührenden Artikel auf Deinem neuen alten Blog. :-)

    @kuschelpunker: Man hat ja noch Glück, wenn einem die Freunde bleiben. Mir blieb nur eine einzige Freundin. Eine, die das Elend selbst auch kannte. Der Rest, also z.B. ehemalige Studienkollegen, befanden die wunderliche Katja in ihren schäbigen Klamotten als nicht gesellschaftswürdig.

    Und zum Ganztagsjob: Leider heißt das ja nicht automatisch, daß man kein Hartz-IV bezieht (siehe meine Situation). Und vielen anderen geht es auch so. Ein Grund mehr, vehement einen Mindestlohn einzufordern.
    Noch wichtiger finde ich aber ist es, ständig und mit Nachdruck den verbohrten, von der BILD-Zeitung, RTL und SAT1geförderten, Vorurteilen zu entgegnen. Wenn eine breitere Schicht verstehen würde, was diese Armut in Deutschland wirklich bedeutet und daß sie keine Randgruppenerscheinung ist, dann wäre immerhin ein Schritt in Richtung Würde gegangen.

  13. Kommentar #13 kommt von: Darki

    Hi,
    ich kann nachvollziehen wovon du geschrieben hast. Verstehe auch das man sich glücklich schätzen muss, kein HartzIV Leben zu leben.

    Diese Erkenntnis fiel mir zu erst sehr schwer zu verstehen. Ich bin in einer HartzIV Familie groß geworden. Anfangs als ich meine Ausbildung angefangen habe durfte ich das meiste Geld zu Hause lassen, was vielleicht richtig ist. Aber nicht mit 17 und man sieht wofür das ganze Geld drauf geht.
    Als ich meine zweite Ausbildung mit 18 angefangen habe, wurde ich gebeten auszuziehen. Als ich dann unter anderem wegen der GEZ auf dem Amt war um mich davon befreien zu lassen. Bekam ich die Aussage “Solange sie Arbeit haben, müssen sie die GEZ zahlen.” Ich hätte der Frau am liebsten auf den Tisch gekotzt. Hatte zu diesem Zeitpunkt weniger wie ein HartzIV Empfänger da ich von meinem Gehalt + Kindergeld alles alleine zahlen durfte.

    Was ich damit sagen möchte ist. Das es mir anfangs sehr schwer gefallen ist zu kapieren, dass es ein HartzIV Empfänger nicht besser hat, als ich. Das hat mich über die ganze Ausbildung hinweg begleitet.

    MfG
    darki

  14. Kommentar #14 kommt von: Zitate der Blogosphäre I

    […] “Es ist ein Geschenk, wenn einem die Wichtigkeit und Bedeutung eines Lebens in Würde klar geworden ist. Es ist Glück, wenn man ein solches Leben leben darf.” (Katja - Die antastbare Würde) […]

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